„Wer gelernt hat, Bäume anzuhören, begehrt nicht mehr, ein Baum zu sein. Er begehrt nichts zu sein, als was er ist. Das ist Heimat. Das ist Glück. “
– Hermann Hesse

Treemotion

Erreicht eine kritische und daher wirksame Menge bestimmter Reizstimuli eines Werks auch tatsächlich einen Betrachter, so herrscht ein Idealfall der Kunstrezeption vor. Auf dem Nährboden konzeptueller oder wahrnehmungsbezogener Impulse keimt dann das Interesse und führt zu Fragen, die als gespeicherte Widerstände mitunter gut, unbestimmt oder gar nicht beantwortet werden wollen. Angestachelt durch diese Fragen, die sich wie Kletten verfangen, beginnt der Wahrnehmende – vielleicht nach einem formalästhetischen Scann die Suche nach dem künstlerischen Bewusstsein und der Haltung, die hinter der zweidimensionalen Oberfläche verborgen sind. In der Fotografie sind die Spuren zum gestalterischen Willen aufgrund der medialen Filter stärker verwischt als beim gemalten oder gezeichneten Bild. Manchmal reicht jedoch ein zweiter Abzug oder eine kleine Sequenz und das Potenzial oder die Grenzen subjektiver Handschrift hinter der Kamera werden spürbar.

Im vorliegenden Werk scheint der Trampelpfad von Wald- und Wiesenkunst in mehrerlei Hinsicht verlassen. Annabell Stübe filtert wie bereits in früheren Arbeiten ihren fotografischen Aktionsradius. Thematisch trifft das zu für die Beschränkung auf das Motiv der Baumstämme. Der Blick in den Buchenwald verliert sich nicht in anekdotischen oder romantisierenden Details. Vielmehr verdichten sich die geradlinigen Stämme zu einem Strukturfeld, in dem es möglich wird, die Erfahrung von Natur neu zu reflektieren. Formal geschieht die Reduktion durch die bewusst eingesetzte Unschärfe und die Übersetzung von Farbe ins Schwarzweiß. Die Verschiebung in das grauskalierte Spektrum stützt die sachliche und doch aus meiner Sicht vielschichtige Qualität der Bilder, in denen emotionsgeladene Farbigkeit vielleicht zu vordergründig wirksam sein könnte.

Mit der unscharfen Wiedergabe von Natur scheint das Medium der Fotografie sich selbst in seiner autoritätsstiftenden Abbildfunktion untreu zu werden. Doch der getrübte Blick entspricht eigentlich viel eher der Realität als die Schärfe. Selbstverständlich stimmt dies für den Raser auf der Autobahn, für den sich die Wirklichkeitsimpulse am Rande seines Gesichtsfeldes zum diffusen Brei verschmolzener Farben und Formelemente verdichten. Aber das verschwommene Bild ist sogar im Allgemeinen mit unserer Erfahrung von Welt vergleichbar. Das Seherlebnis ist geprägt von einem subjektiv bewegten Auge – einem Objektiv, das die Landkarte gemäß seiner Interessen absucht.

Verfängt sich der Blick, so erfolgt die Scharfstellung. Diese ist gravierend bedingt von der Distanz des Betrachters. In den seit 1998 entstandenen Makroaufnahmen zerpflückt die Künstlerin durch die Nahansicht die Schönheit der Blumenpracht. Diese Fotografien (oder auch Stübes Bilder von Straßenbeleuchtungen) sind ein Beleg dafür, dass die Auseinandersetzung mit dem Distanzphänomen zu einer paradoxen Sicht auf die Welt führen kann. Bezogen auf die Natur offenbart sich die strukturelle Verwandtschaft des Kleinen und Großen: Haare werden unter dem Mikroskop zu Wäldern oder Bakterienkulturen zu Galaxien.

In der Betrachtung der Baumstämme verbinden sich Fragen der Gestalttheorie mit denen des Wahrnehmungstempos. Die gestaffelte Ordnung der Linien generiert eine klare Ordnung. Dieses Feld, diese Struktur gibt Halt, sie beruhigt, entschleunigt die Bilddynamik. Verlangsamung ja – Stillstand nein, weil gerade die Unschärfe auch Bewegung in sich trägt. Auch das vorliegende Druckwerk, mit seiner festen Bindung und dem harten Rücken stellt den Anspruch klar. Genauso wie mit der Fotografie auf Barytpapier und der Arbeit mit der Hasselblad-Kamera so wird auch hier formal auf Dauerhaftigkeit gesetzt. Das atmosphärische Bild des Waldes ist für die nächsten hundert Jahre eingefangen, festgehalten und gespeichert. Im Arbeitsprozess zwingt dabei gerade auch die analoge Mittelformatkamera, mit der die Künstlerin nunmehr seit vier Jahren arbeitet, zu einem Bewusstsein, dem schnelllebige Schnappschussqualität oder das Reframing von Ausschnitten grundsätzlich widerspricht. Jedes Detail der Wirklichkeit wird in der Perfektion belassen, die es in sich trägt. Die Kunst von Licht und Blende überträgt die Empfindung von Welt in Stübes Bildsprache.

Aus den genannten Parametern, die das konditionierte Natur-Sehen und Natur-Erleben auf ein neues Niveau heben, resultiert eine selbstständige und zugleich individuell deutbare Art von Natur-Abbildung. Der Wald spiegelt hier keineswegs eine unreflektierte Akkumulation beliebiger Impressionen, sondern er ist diesmal ein Rohstofflieferant der anderen Art. Deutlich wird, wie subtil das Feintuning schwer fassbarer Impulse greift. Selbst der Blick in den Himmel erfährt in diesem Zyklus eine erstaunliche Erdung, die als Rückkopplung auf den subjektiven Blick hinter der Kamera und damit auf die Realität der Künstlerin verweist. Die unter dem Titel Treemotion zusammengefassten Arbeiten wollen nicht verstanden oder erklärt werden. Als Katalysator der Wahrnehmung sind sie leicht zu aktivieren – mit den Worten von Annabell Stübe: „Drei Schritte zurückgehen und auf das zugehen, das dann passiert“.

Winfried Nussbaummüller

 

 

„Whoever has learnt to listen to trees no longer wants to be a tree. He wants to be nothing except what he is. That is home. That is happiness.“
– Hermann Hesse

Treemotion

When a critical and therefore effective amount of stimuli of a work reaches an observer, an ideal case of artistic reception is in place. Conceptual and perceptual impulses are the feeding ground of interest and they lead to questions which as stored oppositions sometimes want to have a good answer, sometimes an uncertain one and at other times no answer at all. Inspired by these question, which entangle like burs, perceivers – perhaps according to formal aesthetic criteria – begin their search for the artistic consciousness and the attitude that is hidden beneath the two-dimensional surface. Because of its medial filter, in  photography traces of creative will are more blurred than in the case of the painted or drawn picture.
However, sometimes a second print is sufficient, or a little sequence, and the potential or the limits of the subjective signature behind the camera are felt.

The present work appears to leave behind the beaten track of forest and meadow art in several regards. Like in previous works, Annabell Stübe filters her photographic radius of action. With regard to subject matter, the filter is manifested by limiting herself to the motif of the tree trunk. The view of the beech wood is not lost in anecdotal or romanticised detail. Rather, the straight trunks densify to create a structural field that permits new reflections on the experience of nature. Formally, this reduction is achieved through the deliberate employment of blurring and turning colour into black and white. The shift towards the spectrum of greyness supports the formal and, I believe, multi-layered quality of the images, where the effect of colour, it being charged with emotion, would perhaps be too emphatic.

It seems as if photography is untrue to its own authority-giving representative function as it reproduces nature in this blurred way.
But really, the hazy view is much closer to reality than sharpness. This is of course true for the speeder on the motorway, for whom impulses of reality merge to form a diffuse mash of colours and shapes at the edges of his visual field. But the blurred image can also be compared more generally with our experiences of the world. The visual experience is shaped by a subjectively moved eye – a lens that scans the map for objects of its interest.

If the view comes to a halt, a sharpening occurs, which is fundamentally depends on the distance of the observer. The artist has been unpicking the beauty of flowers since 1998 with her macro photos. The photographs (and also Stübe’s images of street lights) are proof that dealing with the phenomenon of distance can lead to a paradoxical view of the world.
With regard to nature, the structural similarity of the small and the big becomes apparent: under the microscope, hairs turn into woods and bacterial cultures into galaxies.

When observing the tree trunks, questions of Gestalt theory link up with those of perceptual speed. The graded order of the lines generates a clear order. This field, this structure provides support, it is calming, and decelerates the dynamic of the image. A slowing down, yes – a standstill, no; for it is precisely the blurring that contains movement. The present print work, with its hard binding and back makes clear this claim. Just like with photography on baryt paper and the work with the Hasselblad camera, so here too, the formal emphasis is on permanence. The atmospheric image of the wood has been captured, recorded and stored for the coming one hundred years. The analog medium format camera, which the artist has been using for four years, forces an awareness that fundamentally opposes fast snap shot qualities and the reframing of individual sections. Each detail of reality is left to its intrinsic perfection. The art of light and lens carries over the sensation of world to Stübe’s picture language.

The above parameters, which elevate the conditioned nature-seeing and nature-experiencing onto a new level, result in an independent yet individually interpretable way of depicting nature. The forest by no means mirrors an unreflected accumulation of arbitrary impressions, rather this time it is a provider of raw material of a different kind. It becomes clear how subtle the fine-tuning of impulses is that are difficult to grasp. In this cycle, even the view of the sky experiences a surprising grounding, which refers to, as a feedback, to the subjective view behind the camera and thus to the artist’s reality. The works subsumed under the title of Treemotion do not require understanding or explanation. As a catalyst of perception, they are easy to activate – to use the words of Annabell Stübe: “Move three steps back and approach that which then happens”.

Winfried Nussbaummüller

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