„Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“
– Martin Buber

Altiger

57 von 6.530 Menschen in Altach

Die erste fotografische Abbildung eines Menschen war quasi ein Versehen. Auf einer Daguerreotypie des Boulevard du Temple in Paris aus dem Jahr 1838, aufgenommen vom Erfinder des Verfahrens Luis Daguerre selbst, ist in der linken unteren Ecke ganz klein ein Mann zu erkennen, der zufällig die für eine Belichtung der Platte nötigen zehn Minuten lang stillhält. Die Experten werten sein hochgestelltes Bein als Beweis dafür, dass er sich gerade die Schuhe putzen lässt. Dieser „erste Mensch“ war also im Grunde nichts anderes als einer von vielen ruhenden Gegenständen, die im Unterschied zu den bewegten nicht bis zur Unsichtbarkeit verwischt wurden.

1955 gibt Edward Steichen anlässlich der Eröffnung der von ihm kuratierten Ausstellung THE FAMILY OF MAN im Museum of Modern Art in New York zu Protokoll: „Die Aufgabe des Fotografen ist es, den Menschen den Menschen zu erklären.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Fotografie also längst den Ruf erworben, mit ihren Methoden am besten in der Lage zu sein, das „Wesen des Menschen“ zu erfassen. Natürlich behaupten die Vertreter anderer Abbildungsverfahren Ähnliches von sich, wenn es um die Rolle geht, die sie in unserer Gesellschaft spielen oder spielen sollten. Aber wenn ich mich selbst frage, welchem von ihnen ich die Erfüllung der Forderung, die in Steichens Aussage steckt, am ehesten zutraue, dann entscheide ich mich auch ganz klar für die Fotografie. Und zwar, weil ein hohes Maß an Objektivität nötig ist, um als erklärende Instanz glaubwürdig zu sein. Und dafür schafft diese Technik von vornherein die besten Voraussetzungen. Die fotografische Objektivität ist nämlich zunächst eine Eigenschaft der Kamera und damit unabhängig von der Person, die den Auslöser betätigt. Das heißt nicht, dass die Fotografen nicht fähig wären, genau zu entscheiden, was im Moment der Aufnahme passieren soll, aber ihre Haltung ähnelt in gewisser Weise immer noch jener von Forschern wie Daguerre. Sie bauen sozusagen ein Messgerät auf, um damit Werte zu ermitteln, die sie für eine spätere Beweisführung brauchen.

Erklärung heißt also im Zusammenhang mit der Fotografie auch, sich auf Tatsachen zu berufen. Anders gesagt: Der Fotograf hat die Chance, die Wirklichkeit zu erfassen, indem er ihr das gestattet, was sie am besten kann, nämlich einfach nur zu wirken.

In diesem Sinn geht auch Annabell Stübe bei der Fotoserie für dieses Buch vor wie eine Forscherin. Auch ihr ist daran gelegen, mit jeder „Messung“, die sie vornimmt, vergleichbare Ergebnisse zu erzielen. Um das zu gewährleisten, trifft sie zunächst ein paar grundsätzliche Entscheidungen, was die Form ihrer Versuchsanordnung angeht:
1 –– Sie verwendet analoges Filmmaterial (6 x 6 cm Mittelformat).
2 –– Sie porträtiert die Menschen in ihrem alltäglichem Umfeld.
3 –– Sie bittet die Menschen, Haltung und Blick auf die Kamera zu fokussieren.
4 –– Sie wählt als Bildausschnitt jeweils eine Nahaufnahme und eine Halbtotale.
5 –– Sie verzichtet auf Farbe.

Und obwohl sie diese Vorgaben, mit Ausnahme der Schwarz/Weiß-Ästhetik, nicht auf alle Bildarrangements stereotyp anwendet, kann man die damit ausgesendete Nachricht folgendermaßen auf den Punkt bringen: „Vor meiner Kamera sind alle gleich.“

Hier meine Analyse, was diese Entscheidungen im Detail aussagen und bewirken:

ad 1 –– In Zeiten digitaler Verschwendung wird klar, wie viel Sorgfalt und Achtsamkeit bei der fotografischen Arbeit nötig ist, wenn der eingelegte Film nur zwölf Bilder hergibt. Mit den an manchen Stellen des Buches eingestreuten, als Kontaktabzüge erkennbaren Fotostrecken, weist Annabell Stübe auf diese Begrenzung explizit hin. Und gleichzeitig zeigt sie, wie auch unter derart disziplinierenden Bedingungen mitunter schnell durchgeschossene Serien, quasi ohne Ausschuss, entstehen können.

Diese Serien sind nicht nur als formal interessante Unterbrechungen des Layouts zu verstehen, sondern auch als Beweismaterial dafür, dass sich die bewusste Einschränkung spürbar auf den Respekt gegenüber den Motiven auswirkt, egal, ob es sich um Gegenstände oder Menschen handelt.

ad 2 –– Die Tatsache, dass die Bilder dort entstanden sind, wo die Porträtierten leben bzw. arbeiten, mag als Besonderheit heute kaum noch erwähnenswert sein. Wenn ich allerdings unter diesem Aspekt die Hypothese von der „Gleichheit vor der Kamera“ untersuche, wäre, was die Nahaufnahmen angeht, eine andere Vorgehensweise vermutlich zweckmäßiger gewesen. Zum Beispiel werden in der Regel Führungskräfte von Unternehmen in das immer gleiche Studiolicht gesetzt, mit der Bitte, sie mögen einen möglichst durchsetzungsfähigen und erfolgreichen Eindruck machen. Reziprok dazu, aber aus einem vergleichbaren Grund, werden Delinquenten kurz vor der Inhaftierung unter den immer selben Verhältnissen aktentauglich abgelichtet. Außerdem kennen wir alle den uniformen Ausdruck, den die Bedingungen eines EU-zertifizierten Passbild-Studios in unsere Gesichter geprägt haben.

ad 3 –– Aber natürlich will Annabell Stübe nicht auf die genormte Gleichheit hinaus, die für eine unmissverständliche Identifizierung nötig ist. Sie möchte vielmehr allen Porträtierten gleichermaßen die Chance geben, sich der Kamera aus ihrer Privatheit heraus zu öffnen. Sie sucht nach Momenten der, nein, nicht der Selbstsicherheit oder der optimierten Selbstdarstellung, sie hält eher solche der gelassenen Selbstvergessenheit fest. In diesem Sinn ist jedes ihrer Bilder das Gegenteil eines Selfies und ihr „Buch der Gesichter“ das Gegenteil dessen, was uns auf diversen Social-Media-Accounts begegnet.

Jeder der Menschen in Annabell Stübes Fotoserie schaut nämlich mich an, den Betrachter, er richtet den Blick also gewissermaßen in unsere gemeinsame Zukunft. Und gemeinsam mit den Porträtierten bekomme ich die Gelegenheit, mir des Wertes jedes dieser vergangenen Augenblicke bewusst zu werden.

ad 4 –– Annabell Stübe porträtiert allerdings nicht nur, sie dokumentiert auch. Das wird dort sichtbar, wo sie ein paar Schritte zurück tritt, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen. Aus der Distanz gesehen werden Berufe erkennbar, Gewohnheiten, Zugehörigkeiten, Beziehungen, mitunter auch Schicksale, Eigenschaften jener Welt also, in der die Protagonisten ihre alltäglichen Funktionen erfüllen.

Sie bedient sich dabei eines mittlerweile erprobten Inszenierungsstil, indem sie ihre Modelle frontal präsentiert, ein bisschen so, als wären sie Teile von Stillleben, ohne dabei allerdings deren Würde auch nur einen Moment lang anzutasten. Das heißt, die Darstellungen sind nie entlarvend, sondern immer – im besten Sinn der zu Beginn zitierten ethischen Haltung – erklärend oder einfach klärend.

ad 5 –– Warum diese Balance zwischen Unmittelbarkeit und Diskretion gelingt, hat auch etwas mit Stübes Entscheidung zu tun, ausschließlich mit Schwarz/Weiß-Film zu arbeiten. Das bewusste Weglassen von Farbe, also eines wesentlichen Teils der Wirklichkeit, ist gleichbedeutend mit einer Abstraktion des Motivs und damit einer Intensivierung des Ausdrucks. Die Abbildungen sind so von vornherein mit der Patina dokumentarischer Ernsthaftigkeit überzogen. Dieser Effekt ist als formales Element in unserem kollektiven fotografischen Gedächtnis fest verankert. Dort, wo auch die 503 Bilder der erwähnten Ausstellung THE FAMILY OF MAN zu finden sind, damals von Edward Steichen ausgewählt aus einem Fundus von mehr als zwei Millionen Fotos, möglichst vielen also, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass aus den Gesten der darauf abgebildeten Menschen aus aller Welt, deren gemeinsame „Natur“ abzulesen sein würde.

Ich erwähne diese Ausstellung auch deshalb zum zweiten Mal, weil Annabell Stübe im Grunde dasselbe versucht, nur wählt sie den umgekehrten Weg, indem sie von Menschen ausgeht, die sie kennt; Nachbarn, Bekannten, Freunden aus dem Dorf, Leuten, die sich vermutlich auch gegenseitig kennen und die sie mit ein wenig organisatorischem Aufwand vielleicht sogar für die Aufnahme eines einzigen Bildes hätte zusammentrommeln können. Sie schlägt also vor, vom einzelnen Altacher auf alle Altacher zu schließen und dann vielleicht von diesem Altach auf alle Orte, die so strukturiert sind wie Altach, in der Hoffnung, dass tatsächlich überall irgendwie Altach ist, überall also Menschen leben wie diese. Denn wir können uns gar nicht oft genug gegenseitig und selbst daran erinnern, wie wichtig es ist, uns nicht von den verschiedenen Maßstäben, die an den jeweils anderen angelegt werden, verwirren oder vom Leid, das der Mensch dem Menschen täglich zufügt, desillusionieren zu lassen. Annabell Stübes planvoller Blick schafft dafür eine emotional ausgewogene Erinnerungsstütze.

Auch weil sie, ich bleibe dabei, für mich eine Forscherin ist und die Inhalte ihrer Bilder Ergebnisse eines gewissenhaft vorbereiteten Experiments. Und wie jede gute Forscherin ist sie nicht nur darauf aus, sich ihre vorgefertigten Hypothesen bestätigen zu lassen, sondern sie bleibt auch offen für die Möglichkeit, dass ihr Experiment, für sie selbst und für andere, überraschende Zusammenhänge ergeben wird.

So wie sich Luis Daguerre 1838 von diesem Mann hat überraschen lassen, der wider Erwarten auf einer Abbildung des Boulevard du Temple aufgetaucht war. Akzeptiert man die Lehrmeinung, dann handelt es sich bei der verschwommenen Gestalt rechts von ihm, wie bereits erwähnt, um einen Schuhputzer. Aber treten Sie doch ein paar Schritte näher und lösen Sie sich für einen Augenblick vom Gedanken an diese Dienstleistung. Vielleicht geht es Ihnen dann so wie mir und Sie sehen dort plötzlich statt eines Herrn und seines Dieners, einen in eine versunkene Welt hinein sinnierenden Philosophen, der sein Bein zur Entspannung auf den Sockel einer Brunnenpumpe gestellt hat.

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